Arbeitsweltbezogene Grundbildung: Bericht von der Transfertagung MENTO in Berlin

Arbeitsweltbezogene Grundbildung ist ein Thema – jedenfalls wenn man die Besucherzahl der ausgebuchten Transfertagung des Projekts „MENTO – Kollegiales Netzwerk für Grundbildung und Alphabetisierung“ in der Kalkscheune Berlin betrachtet. Zwei Tage lang diskutierten die Teilnehmenden, wie die Themen Alphabetisierung und Grundbildung noch stärker in Betriebe getragen werden können und wie mit Hilfe von sogenannten Mentoren und Lernbegleitern mehr Menschen mit Grundbildungsdefiziten im Betrieb erreicht werden können. Neben Arbeitnehmervertretern waren ebenfalls engagierte Arbeitgeber anwesend, die ihr Engagement im Rahmen des Projekts MENTO vorstellten bzw. Perspektiven arbeitsweltbezogener Alphabetisierung und Grundbildung diskutierten.

Plakatwerbung der Bundeskampagne zur Alphabetisierung

Das BMBF hängt Alphabetisierung und Grundbildung hoch auf. Aktuelle Plakatwerbung der Bundeskampagne zur Alphabetisierung am Berliner Sitz des BMBF.

Timm Helten vom Projekt AlphaGrund des Bildungswerks der Nordrhein Westfälischen-Wirtschaft (BWNRW) nutzte die Gelegenheit, um in den gemeinsamen Dialog zu kommen und sich über Anknüpfpunkte für die eigene Arbeit zu informieren. Das BWNRW beteiligt sich als eines von acht Bildungswerken der Wirtschaft unter Federführung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) an dem bundesweiten Projekt AlphaGrund, um Konzepte der betrieblichen Ansprache und Umsetzung von arbeitsplatznahen Lernangeboten zur Förderung von Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener zu erarbeiten. Ebenso wie das Projekt MENTO wird AlphaGrund im Rahmen einer Nationalen Dekade für Alphabetisierung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

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Bild: DGB Bildungswerk Bund

Das Projekt MENTO bildet Mentoren und Lernbegleiter aus, die als Vertrauenspersonen und Ansprechpartner Hilfestellungen zur Alphabetisierung und Grundbildung im Betrieb geben. In den letzten drei Jahren wurden ca. 200 solcher Mentoren ausgebildet. Dabei war aller Anfang schwer. In einer ersten Projektphase mussten „in den Betrieben und in unseren Gewerkschaften dicke Bretter gebohrt werden, um bekannt zu machen, dass über sieben Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben können. Die Reaktionen waren anfangs sehr verhalten.“, so Projektleiter Jens Nieth vom DGB Bildungswerk Bund. Obwohl laut Statistik eine Menge Bedarf in den Betrieben zu erwarten ist, war das Interesse relativ gering und unzureichende Lese- und Schreibkompetenz wurde in erster Linie mit Migration in Verbindung gebracht.

Eine groß angelegte Studie der Universität Hamburg hat im Auftrag der Bundesregierung die Zahl der funktionalen Analphabeten bestimmt. Davon wird bei Unterschreiten der Textebene gesprochen, d.h., dass eine Person zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben kann, nicht jedoch zusammenhängende – auch kürzere – Texte. Jeder siebte Erwachsene hat demnach große Schwierigkeiten mit der Schriftsprache und ist von vielen gesellschaftlichen Bereichen ausgegrenzt. Über vier Millionen dieser Erwachsenen sind berufstätig.

Studienergebnisse der Umfeldstudie

Fakten, keine Vermutungen. Funktionaler Analphabetismus ist weniger tabuisiert als lange Zeit vermutet.

Neue Studien der Universität Hamburg und der Stiftung Lesen haben zudem herausgefunden, dass funktionaler Analphabetismus weniger tabuisiert ist, als ursprünglich angenommen. Professorin Grotlüschen von der Universität Hamburg hat eine repräsentative Studie zum mitwissenden Umfeld funktionaler Analphabetinnen und Analphabeten in Hamburg durchgeführt. „Innerhalb der eigenen Sozialschicht ist funktionaler Analphabetismus kein Tabu“, schildert Anke Grotlüschen und hinterlegt die Ergebnisse mit Zahlen. Ca. 60 Prozent der mitwissenden Beschäftigten unterstützen betroffene Kollegen, z. B. bei Schreibarbeiten im Job. Vertrauenspersonen, wie beispielsweise der Lebenspartner oder Freunde, geben ebenfalls wichtige Hilfestellungen. Betroffene werden laut der Studie aktiv unterstützt bzw. gedeckt. Was für den Betroffenen kurzzeitig eine Hilfe ist, wird langfristig keine nachhaltige Lösung sein. Es wird verhindert, dass eine entsprechende Weiterbildung zur Vermittlung von Schriftsprachkompetenzen in Anspruch genommen wird. Das Wissen über das Problem ist da, aber es wird zu wenig darüber gesprochen. Die Arbeitswelt ist dennoch ein erfolgsversprechender Ansatz, die vorhandenen Potenziale besser zu erschließen, Mitarbeiter/innen zu qualifizieren und die Beschäftigungsfähigkeit zu sichern.

Gruppenspiel

Spielen erlaubt. Aufwärmübungen am frühen Morgen.

Ein Großunternehmen, das für die Zusammenarbeit mit MENTO gewonnen werden konnte, ist Thyssen Krupp Steele Europe. „Unser Betrieb ist mit 20.000 Mitarbeitern ein Spiegel der Gesellschaft. Natürlich ist unzureichende Lese- und Schreibkompetenz ein Thema für uns. Es gibt kaum noch Arbeitsplätze, an denen Lesen und Schreiben nicht gefordert werden. Wir sprechen das Thema im Betrieb an und machen auf das Hilfsangebot von MENTO aufmerksam. Die ausgebildeten Mentoren und Mentorinnen verstehen ihre Rolle als vertrauliche Ansprechpartner/innen.“, schildert Dr. Irmgard Spickenbohm, Leiterin des Sozialservices bei Thyssen Krupp Steele Europe das Engagement. Weitere Unternehmen wie die Deutsche Bahn Logistics AG, die Berliner Verkehrsbetriebe oder die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) sind im Laufe des Projektes als Modellstandorte hinzugekommen. Arno Schirmacher ist Personalchef bei der HHLA im Hamburger Hafen: „Die Arbeitsanforderungen im Hafen werden immer komplexer. Damit wird es für betroffene Mitarbeiter/innen zunehmend schwieriger, den Arbeitsalltag zu bewältigen. Beschäftigte mit funktionalen Lese- und Schreibproblemen entwickeln ein Vermeidungsverhalten, das ihnen und dem Unternehmen schadet. Für uns ist Grundbildung ein Teil unseres Angebots beruflicher Weiterbildung.“

Die Arbeit des Projektes MENTO wird vom BMBF für weitere fünf Jahre gefördert, um das Angebot noch weiter in die Fläche zu tragen. Bild: DGB Bildungswerk Bund